Der VIX im Brennpunkt – hoch spekuliert, tief gefallen

Hochspekulative Zertifikate – das Casino gewinnt immer

Wir erinnern uns: Zwischen dem 02. und 09. Februar 2018 spielten die Aktienmärkte verrückt. Nach Kurseinbrüchen erholten sich die Märkte wieder. Der S&P Volatilitäts-Index, der VIX schaukelte rauf (Risiken) und runter (Beruhigung des Marktes).

Die Finanzinstitute verdienen sich mit der Ausgabe spekulativer Zertifikate eine goldene Nase, während sich die Investoren an der Hebelwirkung dieser Instrumente eine hohe Rendite versprechen. Manchmal geht die Rechnung für die Anleger auf. Doch die Bank gewinnt immer, denn bei der Emission enthalten solche Produkte neben hohen Kommissionen auch eine Zeitprämie. Diese kann nur abgebaut werden, wenn sich die Kurse der zugrunde liegende Produkte (Aktien, Indices, Volatilitäten, Währungen,…) im Sinne der gesetzten Strategie entwickeln.

VIX – CBOE Volatilitäts-Index ETN (Exchange Traded Notes) der Credit Suisse im Schussfeld

Das ETP (Exchange Traded Product) brach am Montag, dem 06. Februar um mehr als 75 Prozent ein, während der VIX-Future gar ein Minus von 80 Prozent sah (der Dow Index fiel gar um knapp 1.600 Punkte). Ausgehend vom Emissionsvolumen dürften die Investoren dieses Volatilitäten-Produkts alleine rund USD 500 Mio. verloren haben. Die Aussage des CEOs der Credit Suisse, Tidjane Thiam, dass jeder Anleger die Risiken des Papiers gekannt habe, stimmt wohl unter “normalen” Umständen. Doch im Zusammenhang mit den tröpfchenweise an die Öffentlichkeit gelangenden Informationen gelten seine Worte an die Adresse der Zertifikats-Inhaber als glatte Ohrfeige. Die Tatsache, dass sich der CEO einer Grossbank an der Pressekonferenz mit dem Kleingedruckten des Emissionsprospektes eines Finanzprodukts beschäftigt, weist auf die Brisanz der Angelegenheit und die kommenden Folgen hin.

Kündigung des Papiers mittels “Poison Pill” am Tage des historischen Tiefs

Bei Durchsicht der Emissionsprospekts der emittierenden Bank (Credit Suisse), welches ebenfalls den fraglichen VelocityShares Daily Inverse VIX Short-Term Exchange Traded Note (ETN) aufführt, fällt auf, dass die Bank, wie üblich identische Produkte für jeweils Short- und Long agierende Investoren anbietet. Auf diese Weise schafft sich ein Emittent für sich selbst ein Nullsummen-Risiko. Soweit so gut. Doch bereits bei der Emission kann der Emittent direkt (z.B. auf eigene Rechung wie auf Nostro-Konto) oder auch indirekt über seine Haus-Fonds oder andere Zertifikate – was oft gemacht wird – strategische Positionen aufbauen. Vom neutralen Standpunkt aus gesehen ist es äusserst merkwürdig, dass der Emittent das Produkt, am Tag, an welchem der Kurs in den Keller gefallen ist, das Papier kündigt. Diese Aktion heizt die Gerüchteküche an. Falls noch eigene strategische Positionen eingegangen sind, dürfte die Sache klar sein.

Die Kündigung mittels “Poison Pill” (giftige Pille) gibt dem Emittenten die Möglichkeit das Anlageprodukt vom Markt zurück zu ziehen damit es nicht – zu einem Butterbrot – von Investoren / Kapitalgebern aufgekauft werden kann.

Der “verlässliche” Börsenbarometer, gar nicht mehr so verlässlich

Just nach der Kündigung des Papiers im Betrage von JPY 32,3 Mrd. (USD 300 Mio.) melden US-Medien, dass mittels algorithmischen Einflussnahmen die Volatilitäts-Kennzahl (VIX des S&P 500) und in der Folge die meisten Börsen weltweit allenfalls manipuliert werden konnten (und können).

Die US-SEC leitet eine Untersuchung ein

Doch damit ist die Angelegenheit – glücklicherweise – noch nicht vom Tisch. Denn die US Presse will wissen, dass die US-SEC (Security Exchange Commission), also die US-Wertschriften-Aufsichtsbehörde, von der Schweizer Bank Auskunft darüber verlangt, wieso die Bank das Zertifikat beim Tiefstkurs gekündigt hat. Die SEC verlangt zudem Informationen über die Art der Berechnung des Papiers und, ob private Investoren das Papier ebenfalls halten würden. Aufgrund der Komplexität des Volatilitäten-Zertifikats könnte nämlich ein privater Anleger “sich der Risiken des Papiers beim Kauf nicht bewusst gewesen sein.” Die Konsequenz wäre klar: Ein Berg von Schadenersatzforderungen könnte auf die Bank zurollen.

Text: Radovan Milanovic

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