Der Kurseinbruch der türkischen Lira, ein déjà vu in Argentinien und Brasilien

Die Gründe des Lira-Zerfalls

Die türkische Zentralbank versuchte das steigende Handelsbilanzdefizit, das wachsende Budgetdefizit aber auch die hohe Auslandsverschuldung (vor allem in USD) mittels starker Erhöhung der Geldmenge in den Griff zu bekommen. Sie hoffte, dass die zeitweise schwächeren Hartwährungen wie vorgängig der USD, der EUR und der JPY in die türkische Wirtschaft fliessen und dort investiert würden. Doch das Gegenteil trat ein. Seit Jahresbeginn verlor die türkische Lira zum USD rund 20 Prozent an Wert. Das Anziehen der US-Zinsen bewirkte eine Höherbewertung des USD. Die Folge: Smart Money floss aus den Schwellenländern wie Argentinien und Brasilien, aber auch aus der Türkei in den USD. Mit dem Einbruch der türkischen Lira trat das Dilemma der steigenden Dollarschulden der Schwellenländer offen zu Tage. Denn diese Länder haben die lange Tiefzinsphase nicht benutzt, um das günstige Fremdkapital zukunftsorientiert einzusetzen. Was alle drei Schwellenländer gemeinsam haben sind die Ungleichgewichte der Aussenhandelsbilanz, des Staatshaushalts und die Ausweitung der hohen Auslandsverschuldung in den vergangenen zwei Jahren.

Zinserhöhungen ohne Einfluss auf die Währung

Die Repatriierung von Auslandsgeldern wie des USD, des EUR und des JPY konnte nur durch eine massive Erhöhung der Benchmarkzinsen von 13,5 auf 16,5 Prozent – temporär? – gestoppt werden. Mit hohen Marktzinsen können die Symptome kurzfristig bekämpft ohne die Ursachen angegangen zu werden. Hohe Marktzinsen können wohl eine Währung kurzfristig stützen und die Inflation für eine begrenzte Zeit bekämpfen. Doch sie würgen das Wirtschaftswachstum ab (Kredite zur Finanzierung von Investitionen werden zu teuer). Mit dem Werteverfall der Lira verteuern sich zudem die Importe, was die Inflation zusätzlich in die Höhe treibt. Somit kann das aktuelle BIP-Wachstum von 7,4 Prozent kaum mehr gehalten werden. Auch die Inflation schiesst mit 11 Prozent bereits weit über die Zielgrösse der Regierung von 5 Prozent hinaus. Schlimm für die Wirtschaft und die Investitionsbereitschaft ausländischer Kapitalgeber. Ökonomen bemängeln die starke Einflussnahme der Politik in die Entscheide der Zentralbank. Kann diese den Kapitalabfluss mittels weiterer Zinserhöhungen von weiteren 200 bis 400 Basispunkten (BP) nicht stoppen, dürfte die Lira noch weiter nachgeben

Text: Radovan Milanovic

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