Das Phänomen “Daimler-Aktie”

Daimler folgt VW

Ohne das Thema “Dieselskandal” aufzuwärmen steht der Investor vor einem grossen Rätsel. Wieso bricht der Kurs der Daimler-Aktie auf die Ankündigung des Diesel-Falles nicht ein, während im Falle der VW Papiere die Dämme den Ausverkauf der Aktien nicht halten konnten. Haben die Investoren antizipiert, dass bei Daimler Ähnliches zum Vorschein kommt? Oder hat sich die Öffentlichkeit an regelmässige Diesel-Skandale gewöhnt? Und ist im Aktienkurs bereits ein “Daimler-Risiko” eingepreist? Und falls nicht 1 Mio. sondern 10 Mio. Fahrzeuge betroffen sind? Wieso rüsten die Stuttgarter “freiwillig” 3 Mio. Fahrzeuge um? Die betreffenden Kosten von EUR 220 Mio. – oder EUR 73,33 pro Fahrzeug – dürften kaum der Realität entsprechen. Schätzungen im Falle von VW gehen von Kosten für die Umrüstung eines Diesel-Fahrzeuges rund EUR 1.500,00 – also dem Zwanzigfachen der offiziellen Daimler-Zahlen – aus. Über die Gesamthöhe der Kosten bei Daimler kann deshalb nur gemutmasst werden.

Daimler: kerngesund und finanziell potent

Der Unterschied VW zu Daimler liegt auch in der finanziellen Potenz des Stuttgarter. Der Konzern ist kerngesund und Kassen voll. Die Geschäfte laufen wie geschmiert. Auch im 1. Quartal 2017: Umsatzzunahme +11 Prozent, EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) +87 Prozent, Konzernergebnis +100 Prozent (auf EUR 2.8 Mrd.), alle Zahlen im Vergleich zur Vorjahresperiode. Der Geschäftsbericht 2016 weist liquide Mittel von EUR 11,0 Mrd. aus. Mit Rückstellungen “für sonstige Risiken” von EUR 6,6 Mrd. ist für den Fall der Fälle vorgesorgt und würde das Jahresergebnis kaum beeinflussen. Was jedoch, wenn Schadenersatzforderungen und Bussen “aus Übersee” drohen? Und falls sich die scheibchenweisen Enthüllungen zu einer Lawine entwickeln? Dann könnten die Kosten aus dem Ruder laufen. Noch versucht Wirtschaft und Politik den das Worst Case Szenario der Diesel-Auto Hersteller, nämlich ein Diesel-Fahrverbot zu verhindern. Dass bereits über ein “Diesel-Fahrverbot” gesprochen und diskutiert wird, bedeutet nichts Gutes. Noch machten die Vertreter aus Politik und Wirtschaft am 10. Mai 2017 am Autogipfel in Stuttgart gute Mine zum bösen Spiel. Mit Entschädigungen an Besitzer von Dieselfahrzeugen sollen diese erstmals milde gestimmt werden.

Anomalie des Kursverlaufs der Daimler-Aktie

Am 10. Juli 2017 wurde der Diesel Fall um Daimler Fahrzeuge bekannt. Entgegen allen Erwartungen gab der Aktienkurs nicht nach. Nein, er zog sogar leicht an. Kaum zu glauben, dass ein Aktienkurs bei “Bad News” steigt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten um ein solches Kursverhalten zu erklären. Entweder sind die Bad News im Aktienpreis eskomptiert, was sehr unwahrscheinlich sein dürfte. Oder, – eher wahrscheinlich – der Kurs wird mittels Kurspflege manipuliert. Doch was passiert, wenn die Dämme brechen; die Aktien wieder den Kräften des Marktes überlassen werden?

Ich habe den Kursverlauf der Aktien beider Gesellschaften im Zeitraum von 11 kritischen Handelstagen (von 5 Handelstage vor bis 5 Handelstage nach dem Zeitpunkt der entsprechenden Dieselmeldungen) analysiert. Um die Anomalie des Kursverlaufs der Stuttgarter Papiere zu verdeutlichen habe ich die Daimler Preisskala vergrössert.

Das Schlüsseldatum von VW, die Veröffentlichung des Abgasskandals, fand am Freitag, den 18. September 2015, einem Freitag nach Börsenschluss bekannt. Am folgenden Montag rutschte der Kurs dramatisch ab. Der Schlusskurs am Ende des zweiten Tages nach dem Tag “X” zeigte eine Korrektur von 33,5 Prozent. Dieser Wert entspricht fast 33,3 Prozent. Eine relevante Grösse und Messwert in der Charttechnik. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass dieser Kursverlauf ein natürliches Marktverhalten gezeigt hat.

Die Umsätze vor dem “Tag X” bei VW und Daimler könnten auf Insidertransaktionen hindeuten

Bereits 4 (bei VW), bzw. 5 (bei Daimler) Handelstage vor der Bekanntgabe der Diesel-News zogen die Umsätze der gehandelten Aktien an. Die Masse der Anleger, also Kleinanleger konnte erst danach reagieren. Stellt sich die Frage, wieso wohl die VW-Aktien trotz höherer Verkäufe einen unveränderten Kursverkauf aufweisen.

Text: Radovan Milanovic
Informationsquellen: Daimler AG (Geschäftsbericht 2016, Bericht zum 1. Quartal 2017)

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